Jüdisch-christliche Ethik

Die Ethik des jüdisch-christlichen Glaubens war der Hintergrund für die Entwicklung der westlichen Kultur auf dem europäischen Kontinent und in Nordamerika. Daher sollen die Aussagen der jüdisch-christlichen Ethik anhand von Zitaten aus der Bibel dargestellt werden zu den Themen

Wesen des Menschseins    Verbot der vorgeburtlichen Tötung   Gerechtigkeit Gottes   Hoffnung durch Gottes Vergebung

Wesen des Menschseins

Die Autoren Bibel gingen davon aus, dass bei jeder Zeugung ein Mensch entsteht, durch das Zusammenwirken von drei Personen: Mann, Frau und Gott. Und jeder neue Mensch wurde zumindest von 1 dieser Personen gewollt: Von Gott. Dies gilt auch dann, wenn die sonstigen Umstände nicht dem Willen Gottes entsprachen. Demnach ist kein Mensch nur ein ‚Unfall‘, das ‚Produkt einer Vergewaltigung‘ oder auch nur ein ‚geplatzes Kondom‘, sondern Jeder wurde von Gott ins Leben gerufen und ist von ihm gewollt und geliebt.

Embryo 11 Wochen
Mensch nach 11 Wochen (Lennart Nilsson)

Die Auffassung vom Beginn des Menschseins mit der Zeugung kann an den vielen Geschlechtsregistern im AT und NT belegt werden. Beispielsweise

1. Mose 11,27:
Tarah zeugte Abram, Nahor und Haran; und Haran zeugte Lot. …

Matthäus 1,2
Abraham zeugte Isaak, Isaak aber zeugte Jakob,
Jakob aber zeugte Juda und seine Brüder, …

Damit ist ausgeschlossen, dass der Mensch erst zu einem späteren Zeitpunkt im Leibe der Mutter oder bei der Geburt entsteht, denn dann würde nicht das Kind von seinem Vater gezeugt, sondern nur eine unmenschliche Vorstufe des Kindes. Die Schwangere würde das Kind hervorbringen, nicht der Vater. Der Text der Bibel belegt ein anderes Verständnis. Folglich wurde auch beim Besuch Marias bei ihrer Schwägerin Elisabeth der noch ungeborene Johannes als Kind bezeichnet, das vor Freude hüpfte:

Lukas 1,44
Denn siehe, wie die Stimme deines Grußes in meine Ohren drang,
hüpfte das Kind vor Freude in meinem Leibe.

Verbot der vorgeburtlichen Tötung

Bekanntermaßen enthalten die 10 Gebote das Gebot ‚Du sollst nicht töten‘ (2. Mose 20,13) was sich auf die vorsätzliche Tötung eines Menschen bezieht, wobei die vorgeburtliche Tötung aber nicht explizit genannt wird. Doch es gibt 2 Bibelstellen, die sich konkret gegen vorgeburtliche Tötungen wenden.

1. Mose 9,6  (Übersetzung nach jüdischem Verständnis)
Wer Menschenblut vergießt im Menschen,
dessen Blut soll vergossen werden,
denn Gott hat den Menschen nach seinem Bild gemacht.

Die Elberfelder Übersetzung, wie auch alle anderen deutschen Übersetzungen lesen: ‚Wer Menschenblut vergießt, durch Menschen soll sein Blut vergossen werden.‘. Doch schon Rabbi Jischmael (gest. 135 n.Chr.) wies darauf hin, dass die hier im Hebräischen enthaltene Zeitform des Instrumentalis richtiger übersetzt werden sollte mit ‚im Menschen‘ statt ‚durch Menschen‘. Daher lautet die rabbinische Lehrfrage: ‚Wer ist der Mensch im Menschen? Es ist der Embryo, der noch nicht geboren ist.‘ Der Talmud gibt diese Stelle so wieder (im Traktat Sanhedrin 57b Kapitel 7)(1). Diese jüdische Auffassung zu Gen 9,6 wurde im Dezember 2015 von den beiden Oberrabbinern in Jerusalem in einem offenen Brief an alle Rabbis weltweit bestätigt. Der Brief ist u.a. im 2. Teil dieses Artikels nachzulesen www.lifenews.com/2015/12/30.

Dann hier die zentrale Bibelstelle zum Thema vorgeburtlicher Tötung:

2. Mose 21,22-25 (Revidierte Elberfelder Übersetzung)
Und wenn Männer sich raufen und eine schwangere Frau stoßen,
so daß ihr die Leibesfrucht abgeht, und kein Schaden entsteht,
so muss dem Schuldigen eine Geldbuße auferlegt werden,
je nachdem wieviel ihm der Eheherr der Frau auferlegt,
und er soll nach dem Ermessen von Schiedsrichtern geben.
Falls aber ein weiterer Schaden entsteht, so sollst du geben
Leben um Leben, Auge um Auge, Zahn um Zahn, Hand um Hand,
Fuß um Fuß, Brandmal um Brandmal, Wunde um Wunde, Strieme um Strieme.

Von zentraler Bedeutung ist hier die Frage: Was bedeutet ‚kein Schaden‘? Ist denn der Tod eines ungeborenen Kindes kein Schaden? Tatsächlich übersetzt die ‚Hoffnung für alle‘ mit ‚Schaden für die Frau‘. Bei diesem Verständnis wäre der Inhalt der Bibelstelle allerdings schon zynisch. Denn das würde bedeuten, dass es überhaupt kein Schaden wäre, wenn das Ungeborene kurz vor der Geburt umkommen würde, solange nur der Frau dabei nichts passiert.

Bei dieser Interpretation werden jedoch zwei wesentliche Dinge übersehen:
Erstens galt in der jüdischen Kultur Unfruchtbarkeit als Fluch, während Fruchtbarkeit bereits mit der Schwangerschaft als großer Segen angesehen wurde (so z.B. bei Sara, Rahel, Hanna, Maria oder Elisabeth). Daher wäre ein Verlust eines ungeborenen Kindes niemals mit Begriffen wie ‚kein Schaden‘ bezeichnet worden.
Zweitens könnte das Kind aufgrund des Stoßes tatsächlich ohne Schaden für Mutter oder Kind geboren werden. Diese realistische Situation musste in jedem Fall anders geregelt werden, als wenn das Ungeborene umgekommen wäre. Folglich regelt der Ausdruck ‚kein Schaden‘ genau diesen Fall, und es wird nur eine Geldstrafe vorgesehen.

Diese Bibelstelle drückt also eine völlige Gleichwertigkeit und Gleichberechtigung des ungeborenen Kindes mit der Mutter aus, denn beim Auftreten eines Schadens wird zwischen diesen beiden explizit nicht unterschieden. Die hier genannte Strafe für die fahrlässige Körperverletzung (ggf. mit Todesfolge) an Kind oder Mutter ist eine lange Liste von Vergeltungsmaßnahmen (Zahn um Zahn,..), hier übrigens die längste von allen diesen Listen, die in der Bibel zu finden sind (vgl. 3. Mose 24,20 und 5. Mose 19,21). Aus der Strafbarkeit einer fahrlässigen Körperverletzung kann unmittelbar auf die entsprechende Strafbarkeit der vorsätzlichen Abtreibung geschlossen werden. Daher musste zu diesem Thema kein eigenes Gesetz mehr angeordnet werden. Ansonsten wird eine vorsätzliche Abtreibung in der Bibel nicht genannt. Allerdings könnte das gemeint sein in Berichten, in denen Israel zeitweise heidnische Bräuche übernommen hatte, bei denen Kinder für Götzen (Moloch) geopfert wurden (Psalm 106,37-38).

Gerechtigkeit Gottes

Die Gerechtigkeit Gottes zeigt sich einerseits in seiner großen Geduld, gerade auch mit Menschen, die Schuld auf sich geladen haben, um Gelegenheit zur Umkehr zu geben. Doch er fordert auch die Menschen dazu auf, gerecht miteinander umzugehen und gegen Ungerechtigkeit aufzustehen, sich im diesseits für Arme und Unterdrückte einzusetzen. Denn handeln will er in dieser Welt in erster Linie durch Menschen, die auf ihn hören.

Doch die Bibel betont auch, dass Gott zu gegebener Zeit handeln wird, um Gerechtigkeit wieder herzustellen. Er wird keinesfalls immer zum Unrecht schweigen, daher ist er die Hoffnung für Unterdrückte, Arme und Elende. Er sieht sich allerdings nicht zur Eile gezwungen, da seine Macht längst nicht mit dem Tod des Menschen zu Ende ist. Selbst danach ist er fähig dazu, alle Dinge mit göttlicher Weisheit so zu ordnen (richten, wieder gut zu machen), dass Jeder Seine Gerechtigkeit anerkennen wird.

Matthäus 18,10
Sehet zu, daß ihr nicht eines dieser Kleinen verachtet;
denn ich sage euch, daß ihre Engel in den Himmeln
allezeit das Angesicht meines Vaters schauen, der in den Himmeln ist.

Sprüche 24,11-12
Errette die zum Tode geschleppt werden, und die zur Schlachtbank wanken, halte zurück!
Wenn du sagen wolltest: Siehe, wir haben das nicht gewußt!
Wird nicht der, er die Herzen prüft es merken,
und der deine Seele beobachtet, es wahrnehmen,
und dem Menschen vergelten nach seinem Tun?

Sprüche 21,13
Wer sein Ohr verstopft vor dem Schreien des Armen,
der wird auch keine Antwort erhalten, wenn er ruft.

3. Mose 5,1
Wenn jemand sündigt, dass er den Fluch aussprechen hört und Zeuge ist,
weil er’s gesehen oder erfahren hat, es aber nicht anzeigt, der ist einer Missetat schuldig.

Jesaja 1,17-20
Lernt Gutes tun, fragt nach dem Recht, weist den Unterdrücker zurecht!
Schafft Recht der Waise, führt den Rechtsstreit der Witwe!
Kommt und lasst uns miteinander rechten! spricht der Herr.
Wenn eure Sünden rot wie Karmesin sind, wie Schnee sollen sie weiß werden.
Wenn sie rot sind wie Purpur, wie Wolle sollen sie werden.
Wenn ihr willig seid und hört, sollt ihr das Gute des Landes essen.
Wenn ihr euch aber weigert und widerspenstig seid,
sollt ihr vom Schwert gefressen werden.
Denn der Mund des Herrn hat geredet.

Psalm 94,9-10
Der das Ohr gestaltet hat, sollte der nicht hören?
Der das Auge gebildet hat, sollte der nicht sehen?
Der die Nationen unterweise, sollte der nicht zurechtweisen?
Er, der Erkenntnis lehrt den Menschen?

Psalm 9:12
Denn er forscht nach den Blutschulden und denkt daran,
er vergißt das Schreien der Elenden nicht.

Psalm 9,19-20
Denn nicht für immer wird der Arme vergessen,
noch geht der Elenden Hoffnung für ewig verloren.
Steh auf, Herr, dass nicht der Mensch Gewalt habe!

Apostelgeschichte 10,42-43
Denn Er hat uns befohlen, dem Volk zu predigen, daß er der von Gott verordnete
Richter der Lebendigen und Toten ist. Diesem gaben die Propheten Zeugnis,
daß jeder, der an ihn glaubt Vergebung der Sünden empfängt durch seinen Namen.

5. Mose 1,17  (ebenso: 5. Mose 16,19 / 1. Petrus 1,17 / Römer 2,11 / Kolosser 3,25  / Jakobus 2,1)
Im Gericht soll es kein Ansehen der Person geben,
sondern ihr sollt den Geringen anhören wie den Großen
und euch vor niemand scheuen.

Jakobus 2,13
Denn das Gericht ist ohne Barmherzigkeit gegen den,
der nicht Barmherzigkeit geübt hat.

Jesaja 26,10
Wird dem Gesetzlosen Gnade erzeigt, so lernt er nicht Gerechtigkeit.
Im Land der Geradheit handelt er unrecht und sieht nicht die Majestät Gottes.

Hoffnung durch Gottes Vergebung

Das Gesetz Gottes besteht zusammengefasst darin, Gott über alles andere zu lieben, und den Mitmenschen wie sich selbst zu lieben. Liebe wird dabei nicht primär als Gefühl verstanden, sondern vielmehr als eine Entscheidung, sich selbst für den anderen hinzugeben. Die Bibel zeigt allerdings klar auf, dass der Mensch überhaupt nicht in der Lage ist, das Gesetz Gottes einzuhalten. Jeder Mensch hat dagegen verstoßen, und hat daher als Folge die ewige Trennung von Gott zu erwarten, was dem ewigen Tod (nicht aber: Auslöschung der Existenz..) entspricht. Die Trennung von Gott ist bereits heute darin wirksam, dass Gott nur sehr eingeschränkt wahrgenommen werden kann.

Damit Menschen davor errettet werden können, kam Gott in Jesus Christus auf die Welt, um den Schmerz der Welt selbst kennen zu lernen, und um als der einzige fehlerfreie Mensch für die Schuld der Menschheit stellvertretend zu sterben. Damit erkaufte er für alle Menschen das Leben, die dieses stellvertretende Opfer Jesu in Anspruch nehmen, indem sie an Jesus glauben, d.h. ihm ihr Leben anvertrauen und ihm nachfolgen. Die Trennung von Gott wird damit aufgehoben, und es wird eine persönliche Beziehung und Kommunikation mit ihm möglich.

Johannes 3,16
Denn so [sehr] hat Gott die Welt geliebt,
dass er seinen eingeborenen Sohn gab,
damit jeder, der an ihn glaubt, nicht verlorengeht,
sondern ewiges Leben hat.

Jesaja 1,18
Wenn eure Sünden rot wie Karmesin sind, wie Schnee sollen sie weiß werden.
Wenn sie rot sind wie Purpur, wie Wolle sollen sie werden.

Hesekiel 36:26
Und ich will euch ein neues Herz geben und
einen neuen Geist in euer Inneres legen;
ich will das steinerne Herz aus eurem Fleisch wegnehmen und
euch ein fleischernes Herz geben;

 


1  Englische Übersetzung in http://www.jewishvirtuallibrary.org/jsource/Talmud/sanhedrin7.html:
And the reason of R. Ishmael is [ibid. 6]: „Whoso sheddeth man’s blood in man, his blood shall be shed.“ What is meant by „a man in man,“ if not an embryo, which is in the entrails of his mother? Fussnote: The term in Hebrew is „be-adam,“ literally, „in the man“.
Ebenso Rabbi Hans Isaak Grünewald (13.10.1973 München, DA1973, S.3548-3549) bei Festpredigt zum hundertjährigen Bestehen des deutschen Ärztetages.

 

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