Geschichte der Abtreibung

Abtreibung und Menschenrechte

1794 Allgemeines Preußisches Landrecht wurde von Friedrich Wilhelm II in Kraft gesetzt. Es galt bis 1900, und war eines der frühesten umfassenden Gesetzeswerke auf dem Kontinent.

§10 Die allgemeinen Rechte der Menschheit gebühren auch den noch ungebornen Kindern, schon von der Zeit ihrer Empfängniß.
§11 Wer für schon geborne Kinder zu sorgen schuldig ist, der hat gleiche Pflichten in 
Ansehung der noch in Mutter Leibe befindlichen.

§10 und §11 im Ersten Theil, Erster Titel

Die Tötung der Leibesfrucht wird unter Strafe gestellt im Zweyten Theil, 20. Titel, §985 – §991.

1858 Entscheidung des ‘Virginia Supreme Court’:
In den Augen des Gesetzes ist ein Sklave nicht eine Person.

Menschenwürde wurde schon vielen abgesprochen

1866 E. Haeckel stellte das ‘Biogenetische Grundgesetz‘ auf: Jedes Einzel-Lebewesen (so auch der Mensch) durchlaufe in seiner Früh-Entwicklung zusammengedrängt die gesamte Evolutionsgeschichte seiner Art. Damit entstünde bei der Zeugung noch kein echter Mensch, sondern nur tierartige Vorstufen, ein ‘werdender Mensch’. Aus einem amöbenartigen Einzeller entwickle sich zunächst eine Art Wurm, ein Fisch, ein Reptil, ein niederes Säugetier, ein Affe der erst mit der Geburt zum Menschen würde. Diese Theorie wurde lange Zeit als ein wesentlicher Beweis der Evolutionstheorie angesehen, fand Eingang in die biologische Lehrmeinung, und diente als Begründung für die Liberalisierung von Abtreibung in den folgenden Jahrzehnten.

1871 Das Deutsche Reich übernimmt das Abtreibungsverbot des Allgemeinen preußischen Landrechts ins Strafgesetzbuch.

1881 American Law Review:
Ein Indianer ist keine Person im Sinne der Verfassung.

19. Jh. Sklaverei wurde verboten, (Amerika, Sezessionskrieg), und Sklaven wurden als vollwertige Menschen anerkannt.
Freiheit und Lebensrecht des Sklaven überwiegen das Recht auf Eigentum und Selbstbestimmung des Herren.

1900 (ca.) Zunehmende Angriffe auf die Strafbarkeit von Abtreibung. Die Forderung nach Liberalisierung wird meist begründet mit dem ‘Biogenetischen Grundgesetz’ (s.o.).

1909 Englisches Gerichtsurteil (British Voting Rights case):
Der Status-Begriff ‘Person’ umfaßt unter diesen Umständen keine Frauen.

1920 Sowjetrußland: Abtreibung wird von Lenin straffrei und kostenfrei eingeführt. Nach der bolschewistischen Revolution setzte Lenin seine früheren Richtlinien um:  “Die bedingungslose Forderung, alle Gesetze, die die Abtreibung verbieten, abzuschaffen“. Von Stalin ab 1936 wieder eingeschränkt auf Lebensgefahr der Mutter und eugenische Indikation.

1926 Die Sklaverei-Konvention wird in Genf von den Vereinten Nationen verabschiedet. Darin wird definiert: Sklaverei ist der Zustand oder die Stellung einer Person, an der die mit dem Eigentumsrechte verbundenen Befugnisse oder einzelne davon ausgeübt werden.

1935 Deutschland: Der zweite europäische Führer, der Abtreibung legalisierte, war Adolf Hitler. Um eine „überlegene Rasse“ zu schaffen, die ‘unbefleckt und biologisch stark’ war, legalisierte er Abtreibung zur ‘Verhütung der Geburt eines erbkranken Kindes’ sowie bei Gefahr für Leben oder Gesundheit der Schwangeren.

1936 Das Deutsche Verfassungsgericht weigert sich, Juden im rechtlichen Sinne als ‘Personen’ anzuerkennen.

1943 Nationalsozialismus: Erhebliche Verschärfung der Strafandrohung bei Abtreibungen, Abtreibung bei Nicht-Deutschen wurde allerdings straffrei gestellt. Legalisierung der Abtreibung in den besetzten (osteuropäischen) Ländern, wo es auch zu Zwangsabtreibungen kam.

1945 Juden werden durch Aliierte Siegermächte in Deutschland wieder unter den Schutz des Gesetzes gestellt, als vollwertige Menschen.

1948 Die Allgemeine Erkärung der Menschenrechte wird von der Generalversammlung der Vereinten Nationen verabschiedet. Verboten ist darin u.a. jede Diskriminierung aufgrund .. des Vermögens, der Geburt oder des sonstigen Status.

1950 (ca.) Widerlegung des ‘Biogenetischen Grundgesetzes‘ insbesondere durch Arbeiten des Humanembryologen Prof. Dr. Blechschmidt (1961). Auch mikroskopische Untersuchungen der Ontogenese des Menschen zeigten keinerlei Anzeichen für eine Ähnlichkeit mit Tieren, es ergab sich kein Anhaltspunkt für eine Bestätigung des ‘Biogenetischen Grundgesetzes’. Die körperliche Entwicklung des Ungeborenen sei von Anfang an spezifisch menschlich.

1951 Das Übereinkommen zur Verhütung des Völkermordes wurde von der Vollversammlung der Vereinten Nationen verabschiedet. Eines der darin genannten Mittel zum Völkermord besteht in der ‘Verhindung von Lebendgeburten’ (Artikel II d). In den Nürnberger Prozessen werden Nazis für Völkermord verurteilt, weil sie in Osteuropa Abtreibungen legalisierten, sowie wegen Zwangsabtreibungen an Osteuropäerinnen (GREIFELT et al, RuSHA-Trial, S. 9; 21; 54; 58f).

1955 Sowjetunion: Das Abtreibungsverbot von 1936 wird wieder abgeschafft.

1959 Die Vollversammlung der Vereinten Nationen erkennt feierlich in einer Erklärung der Rechte des Kindes die Menschenrechte aller Kinder, ohne Unterscheidung oder Diskriminierung, etwa nach .. Eigentum, Geburt oder sonstigen Umständen. Aus der Präambel:
‘da das Kind wegen seiner mangelnden körperlichen und geistigen Reife besonderen Schutzes und besonderer Fürsorge, einschließlich eines angemessenen rechtlichen Schutzes vor und nach der Geburt bedarf;’

1960 Fachgesellschaften der Frauenheilkunde in USA, GB, F, D verlegten den Beginn der Schwangerschaft vom Zeitpunkt der Befruchtung auf den der Nidation, damit Spirale und damalige Pille nicht als frühabtreibende Mittel bezeichnet werden mußten.

1974 Fristenregelung: Abtreibung bis 3. Monat erlaubt.

1976 die Fristenregelung (‘Fristenlösung’) wurde vom Bundesverfassungsgericht als verfassungswidrig erklärt (BVerfGE 39,1). Anschließend wurde vom Bundestag das Indikationsmodell geschaffen (SPD/FDP-Koalition). Begriffsbestimmung durch §219d: Als Schwangerschaftsabbruch im Sinne des Gesetzes gelten nur Handlungen nach Vollendung der Einnistung des Kindes in der Gebärmutter. (Da vorher keine Schwangerschaft vorliegt, kann diese bis dahin auch nicht abgebrochen werden …)

1990 Embryonen-Schutzgesetz wird vom Bundestag verabschiedet: Regelungen zur Anwendung der künstlichen Befruchtung. Veränderung an menschlichem Erbgut, Leihmutterschaft und Forschung an / Handel mit überzähligen Embryonen verboten.

1993 Die Indikationsregelung wurde vom Bundesverfassungsgericht als verfassungswidrig erklärt (BVerfGE 88, 203). Als Übergang wurde ein Beratungsmodell zugelassen und  vorgeschlagen, welches vom Bundestag anschließend relativ wörtlich zur neuen Regelung des §218 übernommen wurde. Vor der Einnistung in die Gebärmutter (ca am 13. Tag nach der Zeugung) liege keine ‘Schwangerschaft’ vor. Daher geht man davon aus, dass eine Frühabtreibung vor der Nidation durch entsprechende ‘Verhütungsmittel’ auch kein verbotener ‘Schwangerschaftsabbruch’ sei. Abtreibungen bis zur Geburt aufgrund einer drohenden Gesundheitsgefahr der Schwangeren die nicht anders als durch Abtreibung abzuwenden seien sind nicht rechtswidrig. Wird eine vorgeburtliche Schädigung des Kindes festgestellt, dann gilt das als eine drohende Gesundheitsgefahr für die Schwangere, die nicht anders als durch Abtreibung abwendbar, und daher legal sei.

1997 Der ‘Canada Supreme Court’ entschied:
Das Gesetz von Canada erkennt das ungeborene Kind im rechtlichen Sinne nicht als Person mit eigenen Rechten an.

2018 Der UN-Menschenrechtsausschuss (CCPR) behauptet, dass Staaten verpflichtet seien, Abtreibung bis zur Geburt zu legalisieren, und ignoriert alle Menschenrechte ungeborener Kinder (General Comment 36, Right to life, Art. 6 ICCPR vgl. Beitrag , tiny.cc/7Forderungen).

 

Kommentar verfassen

Diese Website verwendet Akismet, um Spam zu reduzieren. Erfahre mehr darüber, wie deine Kommentardaten verarbeitet werden.